Interview: Der Krieg
Sie wurden 1915 aus Ihrer produktiven Arbeit heraus-
gerissen und waren als Grenadier bis 1917 im Fronteinsatz. Nach dem Krieg
brachten Sie das ganze Grauen auf einem Schriftblatt mit nur vier Worten
zum Ausdruck. Dieses Blatt ist von stärkerer Wirkung als manche
Ihrer besten Arbeiten, warum haben Sie es nie veröffentlicht?

Im Krieg hatte ich in einen schauerlichen Abgrund gesehen.
Ich fühlte, es gibt im Hiesigen nichts Sicheres, wir sind ausgeliefert.
Dieses Blatt ist ein schrankenloses Bloßlegen der eigensten Empfindung.
Für Menschen, die künstlerische Aufgaben haben, soll und darf
die Öffentlichkeit nie erfahren, wie es ihnen ums Herz ist. Also
hütete ich mich, es in einer öffentlichen Ausstellung zu zeigen.
Unser Herz ist tief, aber wenn wir nicht hinein
gedrückt werden, gehen wir nie bis auf den Grund. Und doch, man muss
auf dem Grund gewesen sein! Können Sie Rilkes Meinung über
schmerzhafte Lernprozesse bestätigen?
Durch den Krieg wurde ich gewissermaßen in den Grund
gedrückt. Ich erfuhr die äußerste Verlassenheit. Als ich
dachte, es sei niemand da, ist Er gekommen. Von dieser Zeit stammt alles
andere. Ich tauchte aus dem Elend auf. Zu leben, ohne doch zu wissen,
wie lange noch, ohne auch das Ziel zu kennen. Der Gewinn dieser Zeit ist
mit Worten nicht ausdrückbar.
Versuchen Sie es bitte trotzdem?
Das ist das Beste, was ich gewonnen habe im Kriege: in aller
Demut, mit der ich meinen Dienst tat, in aller Niedrigkeit meiner geringen
Stellung, wo ich lange Monate ganz vergessen hatte, dass ich überhaupt
einen Wert darstellte unter den Menschen, da ist mir, als ich auftauchte
aus diesem Elend, ein starkes und sicheres Selbstgefühl entstanden,
ein klares Bewusstsein meiner Kräfte, ein stärkeres Zutrauen
zu mir selbst und ein frohes Hoffen für die kommende Zeit.
Die Hoffnung stirbt auch im Schützengraben
zuletzt? Wie ist es möglich, in einer solchen Extremsituation,
umgeben von Tod und Zerstörung, nicht den Glauben zu verlieren?
Die Fähigkeit zu glauben ist das Fundament allen Seins
und Tuns. Eine unlehrbare Fähigkeit. Glaube muss einem widerfahren,
er ist ein Geschenk.
Haben Sie diese Erfahrung auch unter weniger extremen
Bedingungen machen können?
Ja, das war 1926. Mit mir gingen die seltsamsten Dinge vor.
Ich konnte es schwer benennen, es wurde alles ganz anders. Ich hatte vorher
alles nur wie durch einen Spiegel gesehen. Alle Menschen sahen anders
aus, es wurde auf einmal Tag und ich wachte plötzlich auf. Ich hatte
es aufgegeben, auf eigene Rechnung zu leben. Ich wollte dienen und Sein
Knecht sein. Ich wollte und musste einen Herrn haben. Das war es. Da fühlte
ich das leise Wehen der Freiheit, die mir entgegenkam.
Empfanden Sie denn eine dienende Verpflichtung nicht
als Einschränkung Ihrer künstlerischen Entwicklung?
Der Geist braucht eine Bindung, die Freiheit braucht eine
Ordnung, der Flug der Phantasie braucht einen Stoff. Schon 1920 war mir
klar geworden, dass der Schreiber ein Diener und sein Herr die Dichtung,
das Wort ist. Mein Leben war einzig sinnvoll im Zeichen eines Dienstes
für die Menschen, das heisst vor Gott. Ich wollte nur ein Licht anzünden,
in dem meine Mitmenschen Gott sehen.
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