Rom wurde bekanntlich nicht an einem Tag erbaut und ähnliches lässt sich auch über die Entwicklung der römischen Schriftkunst sagen. Etwa im 7. Jahrhundert v.C. übernahmen und ergänzten die Latiner das auf dem griechischen basierende Alphabet der Etrusker. Das älteste lateinische ›Dokument‹ stammt aus dem 6. Jahrhundert v.C. - Lapis Niger, der schwarze Forumstein. Dieser in der Antike hochverehrte schwarze Marmorblock soll nach der Überlieferung der Deckel zum Grab des mythischen Stadtgründers Romulus sein.
 

 
Etruskische Schrift, etwa 7. Jahrhundert v.C.
 
Bis ins 4. vorchristliche Jahrhundert waren sich die Römer noch nicht schlüssig, welcher Schreibrichtung sie den Vorzug geben sollten - sie begannen linksläufig, wechselten zeilenweise und gingen dann allmählich zur Rechtsläufigkeit über. Warum die wechselnde Zeilenrichtung? Dokumente wurden damals in Form von Schriftrollen angefertigt und der Richtungswechsel der Zeilen minimierte den Rollaufwand.
 
  Dokumentrollen der Römer
 
Bis zum Ende des 1. Jahrhunderts v.C. bestand das römische Alphabet aus 21 Zeichen, K, Y und Z wurden spaeter hinzu gefügt, um griechische Namen und Lehnworte korrekt schreiben zu können. Z, ein sehr alter Buchstabe, geriet für eine Weile in Vergessenheit, wurde dann aber zur Darstellung griechischer Worte reanimiert. J und V waren die Konsonanten zu I und U, sie wurden genauso ausgesprochen wie die Vokale, deshalb gab es keine eigenen Buchstaben für sie.
 
 
Etruskische Schrift (PC-TT), von Gabor digitalisiert
 
Schreiben? Wohl eher meißeln und sticheln! Römische Schriftkunst kennen wir von monumentalen Palästen und Säulen, für die Ewigkeit versal in Stein gehauen, ohne Punkt und Komma. Capitalis romana, die Mutter aller Antiquas, kam vorzugsweise im Blocksatz daher, ihre Buchstaben liessen sich in den geometrischen Grundformen Kreis, Quadrat und Dreieck unterbringen und an Lesbarkeit hat keiner so recht gedacht.
 
Die scriptura monumentalis war die bevorzugte Type für steinerne Inschriften. Die Buchstaben wurden mit dem Pinsel auf den Stein geschrieben und dann vom Steinmetz ausgeschlagen. Durch präzise Ausarbeitung der Ecken entstanden die feinen Serifen.
 
Capitalis typOasis von Manfred Klein
PC-TT   MAC T1
 
Bei Bearbeitung von Metall kam die scriptura actuaria zur Anwendung, denn das Gravieren mit dem Stichel erlaubte eine kleinere und weniger strenge Form der Buchstaben, sie durften unterschiedlich hoch sein und in den Rundungen etwas verzerrt.
  
 
 
 
Da die tägliche Korrespondenz nicht auf Monumenten stattfand, beschrifteten die Römer auch Pergament, Papyrus und Wachstafeln. Auf diesen Materialien entwickelten sich andere Formen der römischen Kapitale: Die capitalis quadrata als Buchschrift der Dichter und Denker (Vergil) präsentiert sich mit feierlichem Ausdruck als Prachtschrift.
 
 
MKwadrata von Manfred Klein
PC-TT   MAC T1
 
Die capitalis rustica hingegen kommt eher als Roman Casual daher, sie ist flüssiger und hat mehr Schwung, die Buchstaben stehen dichter und sind wesentlich höher als breit.
 
MKapitalis Rustica Medium von Manfred Klein  
PC-TT   MAC T1
 
Für den alltäglichen Gebrauch entwickelte sich aus der capitalis die römische Kursive, die für den regen Post- und Geschäftsverkehr optimiert war. Wir kennen sie von Wachstafeln, Papyrusfragmenten und Graffiti (damals hiessen sie Wandmalereien). Bei den Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum stellte sich heraus, dass Händler und Marktleute wie z.B. der Gemüsemann ihre Namen und die Preise ihrer Waren als Graffiti auf Häuserwände geschrieben haben. Auch klassische Klosprüche wurden entdeckt- wer liebt wen etc. Diese Graffiti beweisen, dass sich die gesprochene Sprache und das klassische Latein eines Cicero in Grammatik und Vokabular unterscheiden. Zudem zeigen sie uns, wie sich das Vulgär-Latein in Richtung romanische Sprachen entwickelte (spanisch, italienisch, französisch etc.). So entwickelten sich in der gesprochenen Sprache Personalpronomina und bestimmte Artikel, was das klassische Latein durch geschickte Wortstellung möglichst vermeidet.
 
Ältere Römische Kursive
 
Besonders durch den vermehrten Gebrauch von Papyrus tendierte der römische Schreiber zur Schrägstellung der Buchstaben, um mit der Rillenstruktur seines Schriftstücks besser zurecht zu kommen. Die kursiven Buchstaben ermöglichten auch ein höheres Schreibtempo, besonders in Verbindung mit den allseits beliebten Ligaturen. Allmählich setzte sich auch die Tendenz zum Runden der bisher geraden Schäfte durch.
 
Zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert entwickelte sich die jüngere römische Kursive, in der man die Grundformen der späteren Minuskeln schon ahnen kann, zur gebräuchlichen Urkundenschrift. Die Buchstaben wurden differenzierter und weniger einheitlich. Oberlängen traten deutlicher hervor und erhielten einen Anschwung. Die Verwendung von Pergament statt Papyrus förderte die Tendenz zu ›Rundschreiben‹, denn die glatte Oberfläche war für das Schreiben von sauberen Rundungen wesentlich besser geeignet als Papyrus.
 
Roma Cesare von Manfred Klein
PC-TT   MAC T1
 
Daraus entstand die Unziale, mit der die ersten gebundenen Bücher im 6. Jahrhundert geschrieben wurden. Uncia bedeutete ursprünglich ein Zwölftel, daher kommen Inch (1/12 Fuß) und die Unze, damals 1/12 römisches Pfund. Zu dieser Zeit war das römische Imperium längst Historie, Pompeji perdu, der letzte weströmische Kaiser im 5. Jahrhundert vom germanischen Heerführer Odoaker abgesetzt.
 
Trotz alledem - die germanischen, nordischen und angel-sächsischen Runen konnten sich auch nach dem Ende des Weströmischen Reichs nicht gegen die lateinische Schrift durchsetzen. Inzwischen haben rund 2000 Jahre Schriftgeschichte bestätigt, dass den Römern mit ihrer capitalis romana der große Wurf gelungen ist.
 
 
Odoaker von Manfred Klein
PC-TT   MAC T1
 
Odoaker ist die digitalisierte Fassung einer römischen capitalis aus dem 8. Jahrhundert. Es ist die jüngste ihrer Art.
 
Frisch aus dem Font-Labor:
 
 
Alfabetix von Apostrophe (Umlaute von Manfred)
PC-TT   MAC T1